Mittwoch, 1. Mai 2013

Startschuss für die DCM 2013 auf der Animuc

Willkommen zurück! Wie jedes Jahr beginnen wir die neue DCM-Saison auf der Animuc - der Haus-Con des Animexx e.V. vor den Toren von München.

Es ist Sonntag, der 21. April, kurz nach elf am Vormittag. Einige Cosplayer vertreten sich schon die Beine auf dem Rasen zwischen Congelände und schmucker Barockkirche. Das nasskalte Wetter vom Vortag hat einem dezenten Grau Platz gemacht. In einem Nebengebäude des Veranstaltungsforums sind die ambitioniertesten Kostüm-Fans unter sich: Hier startet gleich die 7. Deutsche Cosplaymeisterschaft.

Die Nervosität ist mit Händen zu greifen, als Prinzessin und Ritter, Superheld und Feuergeist Seite an Seite auf ihren Auftritt vor der Jury warten. Auf die 16 Bewerber um die fünf Finalplätze wartet ein straffes Programm: Der Wettbewerb beginnt mit der Kostümbewertung, bei der drei Cosplay-Experten das Kunstwerk von allen Seiten begutachten und Fragen dazu stellen. "Ich habe gehört, dass man bei der DCM alles selber machen muss", sagt Anna (katrinkleeblatt), die zum ersten Mal dabei ist. "Deshalb habe ich auch meine Stiefel selbst genäht und nicht einfach fertig gekauft."

DCM-Veteranin Sonja (Nuri) hat ihre eigene Philosophie, worauf es ankommt: Ein "vorentscheidstaugliches Cos" darf "nicht zu viele Details haben, bei denen man schnell in Schlamperei gerät", es muss vor allem sauber verarbeitet sein. Trotzdem hat jedes Kostüm "versteckte Tücken": Bei Sonjas chinesischem Kampfanzug, mit dem sie (als Chichi aus Dragon Ball) Son Goku vermöbeln will, war es "das nervige Schrägband", mit dem die Kanten rot abgesetzt sind. 

Christina S. (Chiyoko_Chi), die eine Schuluniform aus dem Anime Mirai Nikki trägt, pflichtet ihr bei: "Es sieht zwar einfach aus, aber die Goldapplikation am Oberteil hab ich per Hand aufgenäht, pro Seite hab ich vier Stunden gebraucht! Anschließend habe ich es gefüttert, damit man die Rückseite mit den Nähten nicht mehr sieht."

Während der Wartezeit vorm Bewertungsraum muss kein Teilnehmer allein vor sich hin brüten, im Gegenteil: Man bewundert die Kostüme der anderen und macht sich gegenseitig Mut. Die DCM-Helfer versorgen die Cosplayer mit Getränken und selbstgebackenem Kuchen. Hinter verschlossenen Türen achtet Juryleiterin Lucia "SaSu" Metz darauf, dass fair bewertet wird und die Jury ungestört arbeiten kann: "Vorgegeben sind vier Minuten Bewertungsgespräch mit jedem Teilnehmer, die reizen wir komplett aus. Ich teile die Zeit so ein, dass auch wirklich alles bewertet werden kann, was bei einem aufwändigen Kostüm manchmal echt schwierig ist. Die Teilnehmer können aber nachher beim Juryleiter anfragen, wenn sie ein zusammenfassendes Feedback zu ihrem Kostüm haben möchten."

Das gutgelaunte Jury-Team mit Praktikanten
Bewertet wird neben der Verarbeitung des Kostüms - dazu zählen auch die Perücke, Waffen, Schuhe und andere Accessoires - auch die Ähnlichkeit zur Vorlage, nach der ein Cosplayer gearbeitet hat. Wenn hier jedes Detail stimmt, gibt es dicke Pluspunkte. Das weiß auch Carsten (Stiyl-Magnus), der sich diesmal Hilfe von seiner Tante, einer gelernten Maßschneiderin, geholt hat: "Seit ich mit der DCM in Berührung kam, werde ich immer pingeliger!"

Das Kostüm macht drei Fünftel der Gesamtnote aus, die anschließende Bühnenshow fällt bei der DCM also weniger ins Gewicht. Dennoch ist der Auftritt vor großem Publikum eine tolle Motivation, findet Carsten. Bei aller Perfektion muss der Spaß nicht auf der Strecke bleiben: "2009 gab es noch eine Männerquote bei der DCM, deshalb bin ich damals hineingerutscht. Ich habe dann drei Tage vorm Finale festgestellt, dass mein Kostüm nicht fertig wird, und habe spontan beschlossen, aus Bauplatten und Styrodur 'Bernd das Brot' zu machen. An dem Abend war ich wohl Sieger der Herzen!"

In diesem Jahr wirkt Carsten als einziger männlicher Teilnehmer fast ein wenig verloren. Falls er nicht weiterkommt, freut er sich aber schon aufs nächste Jahr, wenn die DCM wieder als Paar-Meisterschaft ausgetragen wird: "Zu zweit kann man auf der Bühne noch mehr machen. Und wenn es nur für den Spaß beim Vorentscheid ist, es ist trotzdem eine Erfahrung wert!"

Patrick filmt Teilnehmerin Nicole für ein DCM-Video
Bevor sich die Teilnehmer am Nachmittag auf der Bühne beweisen dürfen, erwartet sie erst noch ein Posing-Marathon: Am Ausgang vom Bewertungsraum warten schon "Wana", Arne, Max und Patrick mit ihren Profi-Kameras. Jeder Cosplayer bekommt ein Fotoshooting, um die Kostüme für die Nachwelt festzuhalten. Patrick und Max - in der Szene besser bekannt als "Diesel" und "Kite" - bilden gemeinsam das neue Videoteam, das 2013 die Vorentscheide und das Finale begleitet. Dafür haben sie sich etwas Besonderes ausgedacht: Sie schneiden nicht nur die Bühnenauftritte mit und laden sie auf dem Youtube-Channel der DCM hoch. Max interviewt auch jeden Teilnehmer vor seinem Auftritt und bittet um ein kurzes Statement - diese Videobotschaften sollen später im Finale gezeigt werden, wenn der Cosplayer sich dafür qualifiziert. Und Patrick filmt mit der Steadycam, die er sonst für seine dynamischen Convideos nutzt, ein "Showcase" von jedem Kostüm, um es optimal in Szene zu setzen. Warum machen sie sich so viel Mühe? "Ich bin in der Szene als Cosplay-Fan", gibt Patrick zu. "Mich fasziniert die Arbeit, die dahinter steckt, und die Authentizität, mit der die Leute eine Comicfigur zum Leben erwecken."

Warten auf die Kostümbewertung
Tatsächlich ist es den meisten Teilnehmern wichtig, dass sie "ihren" Charakter lieben und sich zutrauen, ihn gut zu spielen. "Wenn mir dazu eine gute Bühnenshow einfällt, dann cosplaye ich das", meint Christina S. Stephanie H., die sich VincentNightray nennt und ihren Lieblingscharakter Elliot Nightray aus Pandora Hearts cosplayt, erklärt, warum sie sich für diese Version des Kostüms entschieden hat: "Das ist aus einem meiner Lieblingskapitel im Manga, weil die Handlung da eine ganz andere Wendung bekommen hat." Von den tragischen Erlebnissen ihres Charakters wird sie auf der Bühne erzählen. Auch Christina M. (Chiko-chan) möchte mit ihrem Auftritt als Gwendolyn - aus dem Videospiel Odin Sphere - "beim Publikum für ein Gänsehautfeeling sorgen".

Christina ist nicht zum ersten Mal dabei: "Die DCM gibt es seit 2007, und ich durfte sechsmal im Finale stehen. Das Niveau auf dem Vorentscheid wird aber immer höher. Schon im letzten Jahr haben sehr viele junge Talente den Einzug ins Finale geschafft, die erst ein, zwei Jahre Cosplay-Erfahrung haben. So alte Hasen wie ich müssen sich schon anstrengen!"

Auf der Animuc sind ebenso viele DCM-Neulinge wie "alte Hasen" dabei. Stephanie H. hat sich bestens vorbereitet: Bereits am Freitag stand sie beim 'normalen' Cosplay-Wettbewerb auf der Bühne, um zu testen, wie es sich anfühlt, selbst einmal dort oben zu stehen. "Ich hab die immer alle bewundert, die so tolle Auftritte gemacht haben, und ich dachte, das kannst du vielleicht auch!" Dabei besitzt sie erst seit einem halben Jahr eine Nähmaschine, "davor habe ich die Kostüme nur zusammengekauft". Von der Stimmung bei der Meisterschaft ist sie positiv überrascht: "Es ist richtig lustig! Ich hatte mehr Konkurrenzdenken erwartet."

Nadine (nambnb) ist zwar schon seit zehn Jahren in der Cosplay-Szene dabei, hat aber auch mit "Kleiderschrank-Cosplay" angefangen. Jetzt gibt sie sich größte Mühe mit ihrem Kostüm: "Allein das Programmieren der Stickmaschine hat zwei Wochen gedauert, bis ich mit dem Muster zufrieden war. Auch die Hose musste ich mehrmals anfertigen, bis sie so saß wie jetzt." Dass sie ins Finale kommt, glaubt sie trotzdem nicht, denn sie stand noch nie auf einer Bühne: "Ich hab so arg Angst, dass ich ausgebuht werde, weil ich sowas noch nie gemacht habe!"


Natürlich wird heute niemand ausgebuht - obwohl es zum Saisonstart ungewöhnlich viele Pannen gibt: Christina M. muss gleich dreimal auf die Bühne, bis ihre Hintergrundmusik endlich richtig eingespielt werden kann. Über alle Verzögerungen tröstet jedoch Moderatorin Max hinweg, mit viel Humor und bester Laune, die sich sofort auf das Publikum überträgt. Die anderthalbminütigen Auftritte bieten alles vom dramatischen Monolog über launige Sketche bis hin zu actiongeladenen Choreografien.

Stephanie bezaubert als Disneyprinzessin Aurora (Dornröschen)
Anna zaubert als Revolverheldin 'Mami' eine Flinte nach der anderen unter ihrem Rock hervor und wirbelt durch die Kulissen, dass das Publikum nur staunen kann. Stephanie W. (Symphonia) erobert Herzen und Lachmuskeln mit einer Parodie auf naive Disney-Prinzessinnen, die sie mit viel Liebe zum Detail in Szene setzt. Beide dürfen sich am Ende über einen Finalplatz freuen, und auch Bühnen-Frischling Nadine wird für ihren Einsatz mit einem dritten Platz belohnt!



Siegerin Stephanie, die nun im Finale im Oktober als erste auf die Bühne "muss", ist zu Tränen gerührt: "Wow, mein teuerstes Kostüm bislang, und es hat sich gelohnt!" Nicht nur, dass sie für die Lockenmähne ihrer Prinzessin drei Perücken zusammengenäht, Haare und Stoffe von Hand gefärbt hat und sich für die Disney-Wespentaille in ein Korsett zwängen musste: Nach ihrer Bühnenpremiere mit der Showgruppe Monogatari am Vortag musste sie auch noch nachts ihr DCM-Kostüm bügeln! Stephanie stellt sich schon mal darauf ein, "wieder einen Sommer nur vor der Nähmaschine" zu verbringen, doch jetzt ist sie erstmal überglücklich: "Es ist einfach schön, dass der Aufwand sich auszahlt."

Die Jury hat am Ende einstimmig entschieden, verrät Juryleiterin Lucia - auch wenn es "ein harter Vorentscheid" war: "Ich hab mich wirklich gefreut, wie viel Mühe und Gedanken sich jeder Einzelne mit seinem Kostüm gemacht hat. Wir hatten eine große Vielfalt - von der Schuluniform bis zum Reifrockkleid war wirklich alles dabei!"

Wer es diesmal nicht geschafft hat, sich fürs Finale zu qualifizieren, kann sich hier zu einem der nächsten Vorentscheide anmelden. (Nur für die Hanami am kommenden Wochenende ist leider keine Anmeldung mehr möglich.)

Angst braucht dabei wirklich niemand zu haben, findet die Zweitplatzierte Anna: "Die Teilnehmer waren untereinander alle sehr nett, sehr hilfsbereit und ich glaube, da haben wir in Deutschland einfach ne tolle Szene, was das angeht."

Alle bisherigen Finalisten könnt ihr hier im Porträt sehen.

Kommentare:

  1. Krass! MAn muss nicht wirklich seine Stiefel selba nähen. OO

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    1. Nein, das muss man nicht.
      Die DCM hat das Image, dass alles extrem penibel und 100% nach der Vorlage gemacht werden muss und so sind viele Teilnehmer so perfektionistisch, dass sie auch die Stiefel selber machen. Wir möchten allerdings versuchen, hier in nächster Zeit auch etwas Aufklärung zu betreiben. Wir sehen das nicht alles so eng, wie es oft dargestellt wird. :)

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